|
Israel Ruft In Jerusalem macht der Baudes ersten modernen Gross-Theaters mit achtzehnhundert Piatzen nur langsam Fortsohritte, weil die Errichtung von Häusern für Neueinwanderer behördliches Vorrecht hat. Noch immer gehen daher die Jerusalemiten in alle möglichen Ersatztheater, wenn die in Tel-Aviv oder Haifa basierten Ensembles zu Gastspielen in die offizielle Hauptstadt kommen. Eine der grösseren Bühnen ist im Gewerkschaftshaus untergebracht, eine andere im städtischen Volkshaus, in dem seinerzeit der Prozess gegen Adolf Eichmann goführt wurde. Jerusalems jüngste Bühne ist der "Khan", ein vormaliger Kamelstall. Dass das aus dicken Quadersteinen errichtete Haus noch in türkischen Zeiten errichtet wurde, lassen die gewölbten Mauern, ihre Stützung durch massive Säulen und die in den Bau eingezogene Felshöhle erkennen. Jedenfalls nimmt man an, dass der Gehäudekomplex für lange Zeit die einzige grössere Struktur ausserhalb der Stadtmauer war und Reisenden, die nach Torschluss ankamen, als Herberge diente - ebenso ihre Kamelen, Pferden oder Esein, je nach Stand und Stellung der Gäste. Für diese Karawanserei - Bedeutung des UrKhans spricht auch seine Lage an der Stelle, wo die von Bebron und Bethlehem her auf die Stadt zustrebende Landstrasse rechts nach dem Jaffa-Tor abblegt. Noch heute führt diese Strasse zu den grossen Hotels von Jerusalem - wenn auch, wer dort "absteigt", sich nicht mehr von Kamelen, Pferden oder Eseln herablässt. Um die Jahrhunderbwende hatten die aus Württemberg stammenden Einwanderer der christlieh-deutchen Templergemeinde hier ihren Biergarten, in dem sie sich nach des Tages Mühen traffen und den Lauf der Geschäfteund der Welt besprachen. Ihre Werkstätten und Wirtschaften waren ganz in der Nähe; auch jetzt noch heisst dieser Stadttell, der Neigung und Art seiner süddeutschen Gründer noch immer erkennen lässt, inoffiziell "die deutsche Kolonie". Die Engländer, unter denen Jerusalem Hauptstadt des von ihnen von 1918 bis 1948 verwalteten Mandatsgebietes Palästina war, benutzten den Khan zeitweilig als Munitionslager. Als die Lage weniger explosiv war, wrude in seinen Gewölben eine Tischlerei eingerichtet. Jetzt erscheint die Entwicklung swar wieder recht explosiv, aber der Donner, der nunmehr aus dem Khan-Baudringt, ist allenfalls Theaterdonner. Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek stammt nicht umsonst aus der Bühnenstadt Wien. Auf der Suche nach Einfällen, um den neuerlichen Aufschwung Jerusalems nach seiner Wiedervereinigung zu fördern, kam ihm die Idee, das Haus in eine Art Kleintheater umbauen zu lassen. Trotz der modernen Beleuchtungsaniagen, der stilvollen Bestuhlung und der erforderlichen Bodenplanierung ist die romantische alttürkische Atmosphäre erhalten geblieven. Die Bühne ist faktisch nur ein Podium, von allen Seiten gut überschaubar, auch von der Galerie, von der in alten Zeiten die Kameltreiber ein wachsames Auge auf ihre Tiere hatten. Die Nebenhöhle wurde in eine Bar verwandelt. Im Khan werden durch verschiedene Ensembles vor allem moderne, kaum Szenerie erfordernde Theaterstücke in hebräisch und englisch aufgeführt, wird Kammermusik geboten, orientalische Volkskunst in Wort, Ton und Tanz, auch bewährt sich das Haus für Vorträge und Diskussionen. Einen der originellsten Khan-Abende, ausverkauft wie viele, erlebte das Haus dieser Tage, als ein im allgemeinen in Haifa residierendes, zumeist in deutscher Sprache aufgetretendes Kabarettensemble unter dem Sammeltitel "Kinder - wie die Zeit vergeht!" eine dreistündige Vorstellung gab, im ersten Teil auch mit Darbietungen in hebräisch, englisch und französisch, im zweiten ausschliesslich deutschsprechend und singend. |