Auszug:
Kfar Sabba, Israel - 14. August 1978
Wer ist da? Wer ist da?" ruft meine Mutter, nachdem ich geklingelt
habe. Ihre Stimme klingt verschlafen. Mit jedem Jahr legen sich meine
Eltern mittags früher zu Bett.
"Ich bin''s. Leora."
"Wach auf, die Kleine ist hier... Schnell, mach schon..." höre
ich sie im Schlafzimmer meinem Vater zurufen. Als wäre jede Sekunde
wichtig, wenn ihnen "die Kleine" einen Besuch abstattet.
"Die Kleine ist allein", informiere ich sie, aber sie lassen
mich weiter vor ihrer Tür warten. Sie wollen nicht, daß ich
sie ohne ihre dritten Zähne sehe. Ich lasse meinen Schlüssel
wieder in die Reisetasche fallen und warte... Vor derselben Tür,
in derselben Eingangsnische, in der ich Arik zum erstenmal und so hingerissen
küßte, daß meine Leidenschaft ein bezeichnendes Mal an
seinem Hals hinterließ... Tagelang lief ich mit schamrotem Kopf
herum, während Arik mit gerecktem Kinn herumstolzierte, damit alle
sehen konnten, wie verrückt das Mädchen nach ihm war, mit dem
er ausging... Kommt mir vor, als wäre seither eine halbe Ewigkeit
vergangen. Einerseits - andererseits will mir scheinen, daß es gerade
mal im letzten Monat war.
Meine Eltern haben die Tür noch nicht geöffnet, und schon verzerrt
das Nachhausekommen mein Zeitbewußtsein. Wenn ich die Tage addiere,
die ich seit meinem Auszug vor fast einem Vierteljahrhundert hier gewesen
bin, kommen nicht mehr als ein oder zwei Jahre zusammen, drei höchstens.
Es gelingt mir, meinen Eltern eine herzliche Umarmung abzuluchsen, bevor
sie sich meiner Zuneigung entziehen. Und sofort, als stünde die Welt
in Flammen, beginnt mein Vater Tee in dem alten Aluminium-Finjan zu brühen,
und meine Mutter holt die alte Frumin-Keksdose aus der Speisekammer. Sie
öffnet den Deckel, und durch die gesamte Wohnung wabert dieses ursprüngliche
Gefühl von Zuhause, von Leben - erstmals erfahren, erstmals gelebt.
"Hol die Tassen, Kind..." kann ich meine Mutter fast sagen hören.
So wie sie es in dem baufälligen Einraum-Bauernhaus in Kfar Sabba
zu sagen pflegte, in dem ich meine Kinderjahre verbrachte. Und so gehe
ich zum Schrank, aber als ich die Tassen herausnehmen will, sagt meine
Mutter: "Setz dich, Kind. Du bist Gast."
Nacheinander stellt sie die nicht zusammenpassenden Überreste des
einst "guten Geschirrs" auf den Tisch und unterzieht mich einer
schnellen Musterung. Ich muß ganz annehmbar aussehen, da sie hastig
über die Schulter spuckt, um den bösen Blick des Neides abzuwehren.
Was meinst du dazu, Arik? fragt mein Vater unhörbar. Ich sehe das
Glitzern in seinen Augen, bevor er sich dem grobkörnig vergrößerten
Photo zuwendet, das seit zwanzig Jahren an der Wand hängt: Arik,
für immer lächelnd, für immer jung.
Darunter, hinter Glas auf der alten Kredenz, Bilder von sämtlichen
Angehörigen, ein paar Freunden und einem unserer alten Nachbarn,
der auf das Chaos zeigt, das die Tommies in jener Nacht in unserem Schuppen
anrichteten, als sie nach den skelettähnlichen Kindern und Erwachsenen
suchten, die von "dort" entkommen waren.
Illegale Einwanderer nannten sie die Tommies, aber meine Eltern nannten
sie Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. "Erzähle niemandem
ein Wort, selbst wenn sie nur eine Stunde bleiben", sagten meine
Eltern zu mir. Also behielt ich es für mich und auch, daß meine
Eltern in dieser Nacht nichts und niemanden vor den Tommies versteckten
- bis auf ihre in den hohlen Tischbeinen verborgenen Gewehre. Dieser Tisch
war das einzige Möbelstück, das die Tommies nicht auseinandernahmen.
"Gojisch galganess", sagte meine Mutter, nachdem die Tommies
gegangen waren.
"Sei nicht so selbstgefällig", rügte mein Vater. "Wehe
den Selbstgefälligen von Zion."
"Was heißt gojisch galganess?" fragte ich meine Eltern.
"Da siehst du, was du dem Kind beibringst", tadelte mein Vater
und wandte sich noch immer erregt mir zu. "Unterschätze nie
die Gojim, oder du endest wie die Millionen dort drüben."
Also unterschätze ich die Tommies nicht, als sie das nächste
Mal unser Haus überfallen. Ich zittere nur, weil die Tommies spätabends
hereinstürmen und alles zerstören und ich von dem Krach und
ihrem Geschrei aufgewacht bin. Und ausgerechnet jetzt ist mein Vater nicht
zu Hause. Die Tommies wissen, daß mein Vater in den Untergrund gegangen
ist. Sie werden ihn hängen, denke ich und zittere noch mehr.
Ich sehe zu meiner Mutter hinüber. Sie gibt den Onkel, der sich illegal
in unserem Haus aufhält, als meinen Vater aus. Ich mache es ihr nach.
Als sie mich auf seinen Schoß setzt, schmiege ich mich an ihn wie
an einen Vater. Ich weiß nicht, ob es sein oder mein Zittern ist,
das seine Knie, seine Brust, seine Arme beben läßt.
"Nun sehen Sie, wie Sie das Kind verschreckt haben", wirft meine
Mutter den Tommies vor.
Die Tommies verstehen zwar kein Hebräisch, wohl aber Zittern und
Beben. Sie sehen mich an, als hätte ich Angst vor ihnen. So etwas
sehen sie gern: vor Furcht zitternde Juden. Jedes Kind im Gelobten Land
weiß das. Wie kann mich meine Mutter nur so entwürdigen, denke
ich und stelle mir vor, ein Ventil in der Kehle zu haben. Ich schließe
es und verdränge meine Tränen - aber nicht mein Zittern.
Die Tommies glauben nicht, daß der Onkel mein Vater ist. "Papiere!
Papiere!" schreien sie und meinen damit eine Karte, auf der steht,
wer man ist.
Ich verstehe nicht, warum die Tommies ihn und meine Mutter packen. Das
Ventil in meiner Kehle öffnet sich, und ich verberge meine Tränen
im Kleid meiner Mutter und klammere mich an sie. Aber die Tommies reißen
mich so heftig von ihr fort, daß mein Kopf gegen den Schrank geschleudert
wird, vor meinen Augen tausend Sterne explodieren und es in meinen Ohren
rauscht, als wären sie mit zwei riesigen Muscheln verschlossen.
"Sie haben mein kleines Mädchen getötet! Mörder! Nazis!"
schreit meine Mutter über das Rauschen hinweg.
"Halt''s Maul! Verdammte Schlampe! Verdammte Jüdin!" brüllen
die Tommies.
"Nazis!... Nazis!" ruft meine Mutter, aber es hört sich
sehr weit weg an.
Als ich wieder zu mir komme, liege ich mit einer Kompresse auf der Stirn
im Haus unserer Nachbarn. Die Nachbarin mustert mich aufmerksam, mitleidig,
besorgt.
"Die Tommies haben meine Mutter verschleppt, dorthin, ins Ghetto,
in die Todeszüge, die Vernichtungslager. Und alles ist meine Schuld,
nur meine Schuld", jammere ich.
"Nein, nein. Nur keine Angst", sagt die Nachbarin. Sie ist sogar
eine noch bessere Mutter als meine Mutter. Ihr Pudding schmeckt besser,
und sie versteckt keine illegalen Onkel oder Waffen...
Das einzige, was meine Mutter heute verbergen will, sind die arthritischen
Schmerzen in ihren Knien. Aber so sehr sie sich auch bemüht, sie
kommt nicht einmal mehr mit der Methode vom Stuhl hoch, die sie in besseren
Zeiten anwandte: indem sie ihre Handflächen auf den Tisch stützt
und sich hochhievt. Mein Vater muß ihr helfen. Doch ganz gleich,
welchen Tribut die Jahre noch von ihr fordern - in meinen Augen ist sie
die furchtlose Heldin aus jener Nacht, in der die Tommies sie ins Gefängnis
schleppten, aus der Nacht, in der mich die Nachbarin bei sich aufnahm,
die besseren Pudding kochte als meine Mutter...
Als die Nachbarin arbeiten gehen mußte brachte sie mich zu einer
anderen Nachbarin, deren Pudding sogar noch besser war und die mir auch
schönere Lieder vorsang als meine Mutter. Alle Nachbarinnen waren
sehr viel besser als meine Mutter. Ich wäre am liebsten bei ihnen
geblieben. Aber als mein Vater von der Arbeit kommt, sagt er, wir müßten
den Nachbarn eine Ruhepause gönnen.
Vor dem Einschlafen wünsche ich mir, daß die Tommies meine
Mutter wenigstens noch einen Tag bei sich behalten. Dann krieche ich unter
die Bettdecke, damit Gott mich nicht finden und bestrafen kann - aber
nicht nur für diesen Wunsch, sondern auch dafür, daß ich
mich mit Ahmed auf der Wiese treffe, der Wiese zwischen seinem arabischen
Heimatort Qalqiliya und meinem jüdischen Heimatort Kfar Sabba.
"Ich habe keinen Großvater und auch keine Großmutter",
vertraue ich Ahmed einmal auf dieser Wiese an. "Wir Jehudim-Kinder
haben keine Großeltern."
"Jeder hat einen Großvater und eine Großmutter, und viele,
sogar Bastarde, haben jeweils zwei" entgegnet Ahmed.
"Du meinst Bilder-Großeltern, keine richtigen."
"Was sind ''Bilder-Großeltern''?" will Ahmed wissen.
"Bilder-Großeltern sind Großeltern, die an der Wand hängen
und selbst, wenn sie silber- oder goldgerahmt sind, deine Mutter sehr
traurig und deinen Vater wütend auf Gott machen. ''Es wird ihn umbringen'',
sagt meine Mutter; ''hab Gottvertrauen'', rät sie ihm. Und so geht
er mit Gottvertrauen los, um die Listen zu überprüfen, aber..."
"Was sind ''Listen''?"
"Namen. Alle untereinander, alle von dort", sage ich, obwohl
das eine mehr als unzulängliche Erklärung der ''Listen'' ist,
aber Ahmed weiß ja auch nicht, was ''dort'' bedeutet.
"Von wo?" fragt er prompt. Und ich versuche, mich ihm verständlich
zu machen, aber nach jedem zweiten Wort fragt er: "Was heißt...
?", und ich kann ihm die Bedeutung der Worte nicht einmal ansatzweise
erläutern, daher bleiben sie nur Worte für ihn. Bedeutungslos.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von
Ullstein Verlag
© beim Verlag. Wir danken für die Genehmigung zum Abdruck.
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